Tod eines Autors
Diese Geschichte spielt nach den Ereignissen von "Bob & Linda: Ein tödlicher Fall".
Der Büroflur war mit Folie ausgelegt, die Fenster abgeklebt. Handwerker wuselten geschäftig umher, Leitern wurden verrückt; die Leute, die den Handwerkern zuhören mussten, ebenfalls, wenn sie keine Ausrede hatten, um das Gebäude zu verlassen. Das Polizeipräsidium war im Ausnahmezustand, seit die längst überfällige Renovierung bei laufendem Betrieb begonnen hatte.
Der Chef klopfte vorsichtig an eine Bürotür.
»Bob? Linda? Seid ihr angezogen?«
Die Tür öffnete sich und zeigte die verblüfften Polizisten in voller Bekleidung.
»Was ist denn das für eine Frage?!«, rief Linda.
Der Chef hüstelte verlegen.
»Na ja, weil die Tür geschlossen war«, begründete er seinen Gedankengang.
»Die war zu, weil die Handwerker so laut sind und man bei dem Lärm seine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann«, brummelte Bob. »Gibt es sonst etwas oder war das jetzt nur ein Besuch, um die Keuschheit Ihrer Beamten zu überprüfen?«
»Oh, klar, kommt bitte mal in mein Büro«, wies der Chef an.
Bob und Linda warfen sich einen besorgten Blick zu. Sie arbeiteten schon Jahre hier, aber ins Büro des Chefs zitiert zu werden, kam so selten aus positiven Gründen vor, dass sie es an einer Hand abzählen konnten.
Wenige Minuten später standen sie im Büro ihres Vorgesetzten. Neben ihrem Chef war noch eine Person anwesend, ein Mann mittleren Alters, der sie anlächelte und offenbar außergewöhnlich erfreut von ihrem Anblick war.
»Das ist Herr Lepus. Er ist Autor und möchte gerne ein paar Kriminalbeamte für ein paar Tage begleiten, um für ein neues Buch zu recherchieren«, erklärte der Chef.
»Und wir sollen diese Kriminalbeamten sein?«, fragte Bob vorsichtig.
Linda schien ebenfalls zu zweifeln.
»Sie haben doch gesagt, Bob und ich sollen keine Öffentlichkeitsarbeit mehr machen seit der Sache in der Schule«, erinnerte sie ihren Chef.
»Dabei haben die Kinder uns geliebt«, fügte Bob hinzu.
»Die Kinder haben Sie gefragt, wie Sie zur Polizei gekommen sind, und Sie haben ihnen den Plot von Police Academy nacherzählt!«, rief der Chef.
»Es war der erste Teil, der war noch gut«, verteidigte sich Bob.
Der Chef rieb sich genervt die Stirn und versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
»Egal, Schwamm drüber. Herr Lepus hat ausdrücklich gewünscht, ein gemischtes Team begleiten zu dürfen.«
»Das trifft sich gut, kein Team hier ist so gemischt wie wir«, erwiderte Linda.
»Genau«, stimmte Bob zu, »schon ich allein bin manchmal ganz schön durcheinander.«
»Ihr hättet Komiker werden sollen«, antwortete der Chef trocken. »Herr Lepus wird für die nächsten Tage euer Schatten sein. Ich habe ihn bereits darüber belehrt, was die Geheimhaltung angeht. Und bitte: Benehmt euch anständig!«
»Was soll denn das heißen?«, empörte sich Linda. »Wir sind mehrmals am Tag anständig!«
»Gelegentlich sogar, ohne dass wir uns Mühe geben müssen«, ergänzte Bob.
Lepus biss sich auf die Lippen, um ein Lachen zu verkneifen.
»Okay, genug, ihr Witzbolde. Raus aus meinem Büro, und gebt dem Herrn Schriftsteller eine Einführung in eure Arbeit, wenn gerade nichts Akutes anfällt«, befahl der Chef.
Auf dem Flur kam gerade ihr Kollege Norman mit einem Blatt Papier in der Hand vorbei.
»Hallo ihr zwei. Seid ihr grad frei?«, fragte er.
»Nicht so frei, wie wir uns wünschen würden, aber wir hätten Zeit«, erwiderte Linda. »Worum geht’s denn?«
»Die Feuerwehr hat sich gemeldet. Ein Typ ist auf seinem Sofa verbrannt, aber die Kollegen von der Feuerwehr wurden misstrauisch. Die Spurensicherung ist schon vor Ort«, fasste Norman zusammen. »Wollt ihr übernehmen?«
Bob und Linda warfen einen kurzen Blick auf den neugierig zuhörenden Schriftsteller neben ihnen und nickten sich zu.
»Gib die Adresse her, wir fahren sofort hin.«
***
Das Blaulicht der Einsatzkräfte der Feuerwehr war schon aus großer Entfernung zu sehen, doch als Bob den Wagen in eine Parklücke steuerte, sah man, dass eigentlich nur eines der roten Fahrzeuge noch vor dem Haus stand. Ganz offensichtlich handelte es sich bei dem Feuer nur um einen vergleichsweise kleinen Wohnungsbrand. Die anderen Löschfahrzeuge hatte man bereits zurück in die Feuerwachen beordert.
Bob, Linda und ihr neugieriger Schatten bahnten sich den Weg in das Wohnhaus, sehr darauf bedacht, nicht die Feuerwehrleute zu behindern, die gerade damit beschäftigt waren, einen Schlauch einzurollen. Das Haus selbst war nicht besonders auffällig. Fünf Stockwerke, gut 50 Jahre alt, aber nicht ungepflegt.
Die Ermittler mussten nicht lange suchen, um die betreffende Wohnung in der vierten Etage zu finden. Eine Feuerwehrfrau stand an der aufgebrochenen Wohnungstür und winkte die Polizisten heran.
»Hallo, Sie müssen die Polizisten sein?«, fragte die Frau. »Ich bin Jenny, Brandmeisterin. Ich leite den Einsatz.«
»Sehr erfreut. Ja, wir sind die Polizisten, zumindest zu zwei Dritteln. Ich heiße Bob, das ist meine Kollegin Linda, und dieser Herr ist ein Schriftsteller, der uns etwas über die Schulter gucken will«, erklärte Bob.
»Herr Lepus!«, rief Jenny. »Jetzt recherchieren Sie also bei der Polizei?«
»Sie kennen den?«, fragte Linda verblüfft.
Herr Lepus räusperte sich verlegen: »Ja, ich bin Anfang letzten Monats für einige Tage bei Frau Jenny und ihren reizenden Feuerwehrkollegen mitgefahren. Und davor war ich einige Tage in einer Armeekaserne.«
»Haben Sie Ihr Buch über uns denn schon fertig?«, fragte Jenny neugierig.
»Ich habe letzte Woche das Manuskript abgegeben«, antwortete Lepus, »und ich denke, dass das Buch in ein paar Monaten erscheinen wird. Natürlich sorge ich dafür, dass der Verlag Ihrer Wache einige Exemplare zukommen lässt.«
»Ich will das freudige Wiedersehen nicht stören«, unterbrach Bob, »aber warum sind wir jetzt eigentlich hier?«
»Oh, richtig, da war ja was«, besann sich Jenny, »da drin ist ein Mann auf dem Sofa verbrannt. Das ist an sich nicht so selten, dass jemand sich eine Zigarette anzündet, einschläft und sich dabei selbst in Brand steckt, aber ich kann mir nicht helfen, irgendwie sieht es hier anders aus als sonst. Deswegen habe ich Sie gerufen.«
»Die Spurensicherung ist noch beschäftigt?«, fragte Linda.
Als wenn er auf sein Stichwort gewartet hätte, trat ein Mann in einem weißen Überzug durch die Tür.
»Wir sind fast fertig. Hi Bob, hallo Linda«, begrüßte er die Kollegen freundlich.
»Hallo Tim«, grüßte Linda zurück. »Gibt es schon etwas Auffälliges?«
»Wir haben in einer Schublade Geldscheine und eine Münzsammlung gefunden, also war es kein Raubmord. Ansonsten werden wir sehen, was die Analysen sagen. Fotografiert ist auch alles, ihr könnt also gerne rein. Die Jungs, die den Leichnam abholen, kommen wohl in einer Viertelstunde«, erklärte Tim mit einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr. »Wir haben auch einen Ordner mit medizinischen Dokumenten eingepackt für Doktor Steel, die freut sich immer, wenn sie mehr über ihre Körper erfährt.«
»Prima«, nickte Linda zufrieden. Bob hatte inzwischen sein Notizbuch herausgeholt und schaute auf das Klingelschild.
»Diener. Haben wir schon einen Vornamen?«
Tim hielt eine Tüte mit einem Portemonnaie hoch.
»Wir haben seinen Ausweis gefunden. Der Vorname ist Bernhard, und er war 34 Jahre alt. Geld und Karten sind übrigens auch noch drin.«
»Danke«, nickte Bob und kritzelte die neu gewonnenen Informationen auf eine neue Seite seines Notizbuchs. »Dann gehen wir mal rein.«
Der Brandgeruch waberte immer noch durch die Luft. Die Wohnung war nicht groß, aber zweckmäßig. Die Wohnungstür führte gleich ins Wohnzimmer, wo ein Sofa vor dem Fernseher stand. Auf dem Sofa lag ein Mann, sein Oberkörper größtenteils verkokelt und – ebenso wie das Sofa – nass vom Löschwasser. Der Fernseher war aus, auf dem Couchtisch befanden sich nur ein Päckchen Taschentücher und eine halbvolle Flasche Bier. Tim und sein Trupp hatten mit Sicherheit schon Fingerabdrücke abgenommen, man sah noch etwas von dem Pulver an der Flasche. Bob und Linda sahen sich eine Minute lang im Wohnzimmer um und nickten sich unmerklich zu.
Dann warfen die beiden einen Blick auf den Leichnam. Das Gesicht war kaum mehr zu erahnen, alles oberhalb des Bauchnabels war verbrannt. Er musste ein T-Shirt getragen haben, sein Unterleib war noch von einer bemerkenswert unversehrten Freizeithose bedeckt. Offenbar hatte er einfach den Feierabend genießen wollen. Auch Lepus schaute sich den Toten an, aber wendete rasch seinen Blick ab und hielt sich auch die Nase zu.
»Armer Kerl«, seufzte Linda. »Wollte sicher nur den Abend gemütlich ausklingen lassen und wurde dann einfach abgefackelt.«
Bob nickte: »Jetzt müssen wir nur noch rausfinden, von wem.«
Lepus keuchte überrascht auf.
»Der wurde also wirklich umgebracht? Woher wissen Sie das so schnell?«
»Schauen Sie sich um«, antwortete Linda. »Was fehlt hier?«
Suchend ließ Lepus seinen Blick schweifen.
»Ich … bin nicht sicher.«
»Wenn jemand mit einer Kippe im Mund einpennt, ist er Raucher«, erklärte Bob. »Und was haben alle Raucher? Aschenbecher. Aber hier ist nirgendwo einer.«
»Dann hatte ich also wirklich recht?«, fragte Jenny, die still ebenfalls wieder in die Wohnung gekommen war und den beiden Ermittlern stumm beim Schlussfolgern zugeschaut hatte.
Bob nickte.
»Eindeutig. Die Frage jetzt ist, ob er schon tot war, als der Brand entstand.«
»Und wie wollen Sie das rauskriegen?«, fragte Lepus.
»Das wird uns die rechtsmedizinische Untersuchung sagen«, erwiderte Linda. »Wenn er noch am Leben war, muss er Rauch eingeatmet haben. Bei der Autopsie wird man seine Lunge öffnen und schauen, ob da drin Rußpartikel zu finden sind. Wenn nicht, hat man ihn vorher getötet.«
»U-und was machen sie jetzt?«, stotterte Lepus aufgeregt.
»Jetzt gehen wir erst einmal den Leuten hier etwas aus dem Weg und fragen die Nachbarn, ob sie etwas mitbekommen haben«, antwortete Bob.
Zusammen gingen sie auf den Hausflur. Bob klopfte an die benachbarte Wohnungstür. Eine ältere Dame öffnete etwas schüchtern die Tür.
»Ja bitte?«, fragte sie.
Bob und Linda zeigten kurz ihre Ausweise.
»Hallo, wir sind von der Polizei. Sie haben den Brand bei Ihrem Nachbarn mitbekommen?«, fragte Bob.
»Ja, ich habe die Feuerwehr gerufen!«, sagte die Dame nun etwas selbstbewusster. »Ist alles in Ordnung?«
»Leider nicht«, seufzte Linda. »Der Brand war zwar nur begrenzt, aber Ihr Nachbar ist ums Leben gekommen.«
Die Dame keuchte entsetzt auf.
»Oh mein Gott. Der arme Kerl! Erst dieser furchtbare Streit und dann das!«
Bob und Linda wurden hellhörig.
»Streit? Was für ein Streit?«
Die Dame überlegte kurz.
»Vor etwa ein bis zwei Stunden war hier heftiger Radau. Ein Mann hämmerte brüllend an die Tür, dann hat der Bernhard aufgemacht und versuchte, den Mann zu beschwichtigen, aber der schrie ihn dauernd weiter an. Als ich meine Tür aufmachte und nachschaute, was der Lärm soll, sind die beiden dann in seine Wohnung und das Gebrüll ging da drin weiter.«
»Haben Sie mitbekommen, worum es bei dem Streit ging?«, fragte Linda nach.
Die Frau schüttelte zögernd den Kopf.
»Ich habe nur gehört, dass es um irgendeine Frau und ein Kind ging, und der Kerl hat den Bernhard einen Verräter genannt. Aber worum es da jetzt genau ging, weiß ich nicht«, antwortete sie bedauernd.
»Haben Sie mitbekommen, wann der wieder gegangen ist?«, wollte Bob wissen.
»Nein, ich habe mich vor den Fernseher gesetzt und Heiße Glut im Liebestunnel geguckt. Und irgendwann habe ich den Brandgeruch bemerkt.«
»Heiße Glut im Liebestunnel?«, fragte Bob verdutzt. »Klingt schmerzhaft.«
»Meine liebste Seifenoper. Es geht um ein Liebesdreieck in einem Vergnügungspark, und der heißblütige Raffaello muss sich entscheiden zwischen seiner Sandkastenfreundin Sanella und seiner Stiefschwester Nutella«, quasselte die Dame los, »und dazu kommt noch ein Streit, ob er oder sein Bruder Giotto den Rummel nach dem brutalen Tod ihrer Eltern in einem tragischen Unfall mit einem Gleitcremetanker …«
»Okay, wir haben einen Eindruck von der Serie«, unterbrach Linda. »Wir sind jetzt aber eher mit dem beschäftigt, was nebenan passierte. Können Sie den Mann beschreiben, mit dem sich Ihr Nachbar stritt?«
Die Frau überlegte wieder kurz.
»Der Mann war zwischen 30 und 40, denke ich mal. Und er hatte sehr kurze Haare«, beschrieb sie. »Er war etwa so groß wie Bernhard. Und er war jetzt nicht übermäßig fett, aber schon deutlich übergewichtig, würde ich sagen.«
Bob schrieb alles fleißig in sein Notizbuch, während Linda weiter fragte.
»Haben Sie den Mann schon mal hier gesehen? Oder haben Sie einen Namen gehört?«
Die Frau schüttelte erneut den Kopf.
»Tut mir leid, ich würde Ihnen wirklich gern helfen. Schon wegen Bernhard.«
»Schon gut«, beruhigte Linda sie. »Was war denn Ihr Nachbar generell für ein Mensch?«
»Ach, der war ganz goldig!«, rief die Dame. »Immer freundlich, immer zuvorkommend. Wenn ich Hilfe brauchte, hat er keine Sekunde gezögert. Er hat mir bei meinem Fernseher geholfen, er hat meinen tropfenden Wasserhahn in der Küche repariert, und er hat für mich Sachen gekauft, die es hier im nächsten Supermarkt nicht gibt.«
»Klingt nach einem tollen Nachbarn«, stimmte Linda zu. »Hatte er eine Freundin? Und wissen Sie was über seine Familie?«
»Eine Freundin? Nein«, sagte die Nachbarin bestimmt. »Er hatte nie Damenbesuch und auch nie über andere Frauen geredet. Und er meinte nur, dass er keine Familie mehr hätte. Ich habe da aber nicht weiter nachgebohrt, man will ja auch keine alten Wunden aufreißen, wissen Sie?«
»Natürlich, das verstehe ich gut«, nickte Linda. »Trotzdem vielen Dank, Sie haben uns schon sehr geholfen.«
Bob nickte und schritt zur dritten und letzten Wohnungstür auf dieser Etage. Kurz bevor er jedoch dort klopfen konnte, hörte er wieder die Stimme der Nachbarin.
»Das können Sie sich sparen, Herr Kommissar! Die sind seit drei Tagen in Urlaub.«
»Ach so, danke für die Information«, sagte Bob, während er seinen Notizblock wegsteckte.
Gerade als er mit Linda die nächsten Schritte besprechen wollte, hörten sie einen Ruf von Tim, der in der Zwischenzeit den Abtransport der Leiche beaufsichtigt hatte.
»Bob? Linda? Kommt ihr mal eben?«
»Was ist los?«, fragte Linda verwundert, als sie zurück in die Wohnung des Opfers gingen.
Tim hielt ihnen wieder eine Tüte entgegen, diesmal mit ein paar bedruckten Blättern Papier darin.
»Als die Leiche angehoben wurde, haben wir das hier darunter gefunden. Die müssen auf dem Sofa gewesen sein, als er sich hinlegte. Sein Körper hat das Papier gut vor dem Feuer abgeschirmt.«
Bob nahm die Tüte in die Hand und las durch die Plastikfolie, was auf dem Papier stand. Verblüfft schaute er Linda an.
»Das ist ein Vaterschaftstest von unserem Opfer. Und er ist positiv.«
»Aber sagte die Nachbarin nicht, dass der keine Freundin hatte?«, wunderte sich Linda.
Herr Lepus, der bisher still wie ein Schatten hinter den beiden gelauert hatte, kicherte spöttisch.
»Eine feste Beziehung ist keine Voraussetzung, um eine Frau zu schwängern.«
»Aber es würde viele Probleme in der Welt vermeiden«, antwortete Linda schnippisch, bevor sie sich wieder an Bob wandte. »Wie heißt denn die Mutter?«
»Leda, steht hier … Moment mal«, stutzte Bob und zeigte auf den Kopf des Berichts, »der Vaterschaftstest ging gar nicht an Bernhard Diener. Die Adresse hier ist eine andere. Das Testergebnis ging an einen Herrn Franz Hose.«
»Jetzt setzt sich langsam ein Bild zusammen«, überlegte Linda. »Dieser Franz hat den Verdacht, dass die jüngste Brut seiner Frau nicht von ihm ist, macht einen Vaterschaftstest mit dem Material von unserem Opfer, der Test kommt positiv zurück, also marschiert der Franz Hose hier ein und rächt sich an Bernhard Diener. Die Nachbarin erzählte ja, dass der Typ was von Frau und Kind gebrüllt hätte.«
»Moment«, unterbrach Herr Lepus. »Heißt das, wir sind nicht mal eine Stunde lang hier und Sie haben schon einen Verdächtigen im Auge?«
»Das ist nicht ungewöhnlich«, zuckte Linda mit den Schultern. »Die meisten Tötungsdelikte sind nicht besonders raffiniert geplant und ausgeführt. Und Kriminelle sind üblicherweise auch nicht mit einem Übermaß an Intelligenz gesegnet. Die größte Herausforderung bei solchen Fällen ist nicht, den Täter zu finden, sondern ihm ein Motiv und die Tatbeteiligung nachzuweisen.«
»Und wie wollen Sie das jetzt anstellen?«, fragte Lepus zweifelnd.
»Wir fahren jetzt erst einmal zu dieser Empfängeradresse auf diesem Zettel«, antwortete Bob, der inzwischen die Adresse abgeschrieben hatte und den Bericht wieder an Tim übergab, damit der diesen Fund vorschriftsgemäß ins Polizeipräsidium bringen und dort auf etwaige Spuren untersuchen konnte.
***
Während Bob den Wagen durch die Stadt steuerte, stellte Lepus allerlei Fragen. Während er zunächst einige Details über die Ermittlungsarbeit bei der Kriminalpolizei wissen wollte, wurden die Fragen mit der Zeit immer persönlicher, und weder Linda noch Bob hatten ein großes Interesse, ihr Privatleben preiszugeben, nur um Bonuspunkte beim Chef für besonders engagierte Öffentlichkeitsarbeit zu sammeln. Daher blieben ihre Antworten nur vage und ausweichend, was Lepus allerdings nicht groß zu stören schien.
Bob lenkte den Wagen auf einen Firmenparkplatz vor einem Industriegebäude, an dem in großen Lettern »Franz Hose Manufaktur GmbH« prangte. Bob und Linda schauten sich skeptisch an.
»Laut Navi befindet sich die Adresse irgendwo auf dem Firmengelände. Aber würde man bei so etwas nicht eher seine Privatanschrift angeben?«, überlegte Bob laut.
Linda zuckte mit den Schultern, während sie die Autotür öffnete.
»Fragen wir einfach mal beim Pförtner. Der Name des Verdächtigen steht hier groß an der Fassade, also wird er hier auch irgendwo zu finden sein.«
Das Foyer des Gebäudes wirkte industriell kühl, eine Mischung aus Chrom und blankem Beton im brutalistischen Stil. Die Theke, an der man einen Pförtner vermutet hätte, war allerdings nicht besetzt. Bob schaute auf seine Uhr. Für die Mittagspause schien es noch etwas zu früh zu sein.
Gerade als er mit Linda besprechen wollte, wie weiter vorzugehen wäre, schritt eine junge blonde Dame mit einem Aktenordner in der Hand ins Foyer und schaute fragend auf die drei Wartenden.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie höflich.
Linda und Bob zückten ihre Ausweise.
»Guten Tag, wir sind von der Polizei. Eigentlich suchen wir diese Adresse«, erklärte Bob und zeigte der Frau in seinem Notizbuch die Adresse vom Vaterschaftstest. Die Frau nickte.
»Ah, das ist die Villa von Herrn Hose, die ist gleich hier nebenan auf dem Gelände. Wenn Sie draußen links am Gebäude den Weg entlanggehen, kommen Sie direkt dorthin. Ist etwas passiert?«, fragte die Frau besorgt.
»Das wollen wir herausfinden. Sie sind …?«
»Oh, äh, ich heiße Tina Schlonzke. Ich bin eine der Sekretärinnen hier«, antwortete die Dame.
»Das trifft sich prima, dann können wir Ihnen sicher auch ein paar Fragen stellen? Sagen Sie, kennen Sie einen Herrn Diener?«, fragte Linda zurück.
»Bernhard? Oh ja!«, rief Tina. »Ganz toller Mitarbeiter, schon sehr lange hier. Und ein absolut lieber Kerl. Deswegen wundert mich das ja so.«
»Was wundert Sie?«, wollte Bob wissen.
»Dass er so einfach gekündigt hat, ohne sich zu verabschieden!«, erklärte Tina.
»Er hat gekündigt? Wann?«
»Keine Ahnung. Herr Hose kam vorhin zu mir und meinte, Bernhard hätte gekündigt und ich solle der Personalabteilung Bescheid sagen. Und wissen Sie, das fand ich echt seltsam. Der Bernhard kam doch so gut mit allen hier aus, und gestern wirkte er auch ganz normal. Dass der sich einfach so verdrückt, hätte ich nie gedacht«, plapperte Tina.
»Wie war denn das Verhältnis von Herrn Diener zu Ihrem Chef?«
»Die waren beste Freunde, schon seit der Uni. Als Herr Hose das Unternehmen hier gründete, war Bernhard sein erster Mitarbeiter, glaube ich. Die sind durch dick und dünn gegangen. Bernhard hat ihm beim Start ausgeholfen mit Geld, hat ihm seine spätere Frau vorgestellt und war Trauzeuge bei der Hochzeit, und als bei Bernhard Leukämie diagnostiziert wurde, hat ihm Herr Hose mit einer Knochenmarkspende geholfen«, redete Tina drauflos, bevor sie stutzte. »Hat Bernhard etwa Schwierigkeiten?«
»Inzwischen hat er gar keine mehr«, erklärte Bob etwas taktlos. »Er wurde vor nicht ganz zwei Stunden tot in seiner Wohnung aufgefunden.«
»Oh mein Gott!«, rief Tina entsetzt. »Was ist passiert?«
»Das möchten wir gerne herausfinden. Sie sagen, Herr Diener hätte Ihrem Chef die spätere Frau vorgestellt?«
»Ja, Leda und Bernhard waren Freunde seit dem Kindergarten«, erzählte Tina.
»Und war zwischen den beiden auch mal mehr?«, fragte Linda vorsichtig.
Tina schüttelte den Kopf.
»Ach, was. Die waren wie Geschwister. Bernhard hat sich gegenüber Leda immer wie ein großer Bruder aufgeführt. Als Leda schwanger war und hier im Pausenraum mal davon erzählte, wie sehr ihre Brüste gewachsen sind, steckte sich Bernhard die Finger in die Ohren und fing laut an zu singen, damit er das nicht hören muss.«
Linda warf Bob einen zweifelnden Blick zu, bevor sie wieder sprach.
»Danke für Ihre Offenheit. Sie sagen, Sie hätten Herrn Hose vorhin gesehen? Wann war das ungefähr und wie wirkte er da auf Sie?«
»Das muss so kurz nach 10 Uhr gewesen sein«, dachte Tina laut nach. »Herr Hose war gar nicht gut gelaunt. Er schaute ziemlich finster drein, als er mir das mit Bernhard sagte.«
»Wissen Sie, wo er vorher war?«, wollte Linda wissen.
Tina schüttelte den Kopf.
»Nein, er war nicht hier. Das kam mir auch schon seltsam vor, denn normalerweise kam er immer spätestens kurz vor acht ins Büro. Aber heute kam er dann so spät, sagte mir das mit Bernhard und fragte noch, ob heute irgendwelche Termine für ihn geplant wären. Dem war nicht so, und dann sagte er nur noch, er sei heute nicht mehr zu sprechen, und er ging.«
»Wissen Sie, wo wir ihn finden können?«, fragte nun Bob.
»Bestimmt in seiner Villa«, meinte Tina und nickte mit dem Kopf kurz in die Richtung, die sie vorhin schon andeutete, als sie von der Villa erzählte. »Sie denken, dass er was mit dem Tod von Bernhard zu tun hat?«
Bob und Linda wussten, dass es bei ihrer ganzen Fragerei keinen Sinn hatte, das zu leugnen.
»Sagen wir mal, er ist von besonderem Interesse für uns«, drückte sich Linda diplomatisch aus. »Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie das nicht herumtratschen würden.«
»Selbstverständlich«, versicherte Linda eifrig, bevor sie stutzte. »Moment. Sollte ich besser meine Bewerbungsunterlagen schon mal auf den neuesten Stand bringen?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, antwortete Linda ehrlich. »Das ist nicht unser Fachbereich.«
»Vielen Dank trotzdem für Ihre Unterstützung. Wir werden uns dann jetzt mal Herrn Hose selbst anschauen«, meldete sich Bob.
Tina nickte besorgt und verabschiedete sich. Bob, Linda und Herr Lepus verließen den Unternehmenssitz und folgten dem Pfad ums Haus, den Tina erwähnt hatte.
Die Villa war kein imposanter Prachtbau, eher ein modernes Einfamilienhaus, vielleicht etwas größer als der Durchschnitt. Franz Hose nagte sicher nicht am Hungertuch, aber es machte auch nicht den Eindruck, als würde hier ein Industrietycoon leben.
Bob musste unwillkürlich an Hubert Everett den Vierten denken, einen schnöseligen Nachbarn in ihrem Luxus-Wohnturm, der alles mit weniger als zehn Millionen auf dem Konto als niederes Geschmeiß ansah und vermutlich bei Herrn Hose genaueste Einkommensnachweise fordern würde, bevor er ihm auch nur den Gedanken erlaubte, was anderes als den Lieferanteneingang zu benutzen. Der Vierte, wie ihn Bob und Linda nur kurz und voller Abneigung nannten, hatte seit dem Einzug der beiden Polizisten im Excellence Tower versucht, gegen sie Stimmung zu machen und sie rauswerfen zu lassen. Allerdings fand der Rest der Eigentümerversammlung es ganz großartig, zwei echte Ordnungshüter im Haus zu haben und nicht nur diesen Treppenterrier, für den mangelndes Vermögen schon einen Straftatbestand darstellen sollte.
Bob schob den Gedanken an diesen Snob beiseite und lief schnurstracks auf die Papiertonne zu, die neben einem Müllcontainer an der Seite der Villa stand. Er zog sich ein paar Gummihandschuhe über.
»Wollten Sie nicht mit Herrn Hose reden?«, fragte Herr Lepus verwirrt. »Und jetzt wühlen Sie lieber im Müll?«
Bob, der schon energisch den Deckel aufgerissen hatte, hielt triumphierend einen Briefumschlag hoch.
»Wühlen musste ich zum Glück nicht, um das hier zu finden«, grinste er. »Dieser Umschlag stammt von dem Unternehmen, das diesen Vaterschaftstest gemacht hatte, den wir in Herrn Dieners Wohnung gefunden haben. Und laut Poststempel wurde er erst gestern abgeschickt.«
Sorgfältig tütete Bob den Fund ein, als handele es sich um ein wertvolles Artefakt. Noch wussten sie nicht mit Sicherheit, ob Bernhard Diener umgebracht wurde, aber um im Fall der Fälle einen Richter überzeugen zu können, ihren Verdächtigen in Untersuchungshaft zu stecken, brauchten sie so viele Indizien wie möglich. Zufrieden zog er sich die Gummihandschuhe aus und warf sie lässig in den Müllcontainer nebenan.
»Jetzt können wir mal anklopfen«, verkündete er.
Wenige Sekunden nach dem Läuten der Türklingel wurde die Tür energisch aufgerissen. Den Polizisten stand ein stämmiger Typ mit Kurzhaarschnitt und zur Faust geballtem Gesicht gegenüber.
»Verdammt, was soll das! Das Kind meiner Frau ist gerade eingeschlafen! Wer zur Hölle sind Sie?!«, motzte er.
»Kriminalpolizei!«, antwortete Bob, der ebenso wie Linda seinen Ausweis vorzeigte. »Mein Name ist Bob, das ist meine Partnerin Linda, und das hinter uns ist Herr Lepus. Sie sind Herr Hose, nehme ich an. Dürften wir bitte reinkommen?«
Franz Hose schien kurz zu überlegen, ob er den Ermittlern einfach die Tür vor der Nase zuschlagen sollte, aber es ging ihm schnell auf, dass das nur das Unvermeidliche verzögern würde. Widerwillig trat er beiseite und deutete auf das Wohnzimmer.
»Na gut. Aber machen Sie es schnell«, brummte er.
Wenige Sekunden, nachdem die drei Gäste das Wohnzimmer betreten hatten, hörten sie eine zarte Stimme von der Treppe.
»Franz? Wer sind diese Leute?«
Der Anblick der zierlichen Frau erschreckte. Ihre linke Gesichtshälfte war dunkelrot und geschwollen. Ganz offensichtlich hatte sie erst vor Kurzem einen heftigen Schlag abbekommen. Linda eilte sofort zu ihr.
»Frau Hose? Wir sind von der Polizei. Hat Ihr Mann Sie so zugerichtet?«, fragte sie mitfühlend. »Kommen Sie, gehen wir gemeinsam in Ihr Schlafzimmer, dann können wir ungestört miteinander reden.«
»Hey, das ist meine Frau und mein Haus, da habe ich ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden!«, protestierte Franz. »Sie dürfen doch nicht einfach hier rumlaufen, wie es Ihnen passt!«
»Ich darf Ihnen auch nicht einfach aufs Maul hauen«, mischte sich Bob ein, »aber wollen Sie es tatsächlich drauf ankommen lassen? Wir beide werden uns hier unterhalten, und Sie lassen die Damen ihr Gespräch führen.«
Der Blick von Franz Hose wechselte schnell zwischen Bob, Linda und seiner Frau, doch er wusste, dass er auf verlorenem Posten kämpfte. Linda nickte Bob zu und führte die geschundene Ehefrau ins obere Stockwerk.
Nachdem die beiden Frauen das Schlafzimmer betreten hatte, setzte sich die Ehefrau bedrückt aufs Bett und wagte kaum, den Blick zu heben.
»Frau Hose …«, begann Linda zu sprechen, bevor sie unterbrochen wurde.
»Bitte nennen Sie mich Leda«, bat die Frau.
Linda nickte.
»Leda, diese Brüsche im Gesicht. Das war Ihr Mann, oder?«, wiederholte Linda die Frage, die sie vorhin schon gestellt hatte. Leda nickte zögerlich.
»Er ist schon seit einiger Zeit so kalt. Aber heute war er richtig wütend«, berichtete sie.
»Und es hat was mit Bernhard Diener zu tun, richtig?«
Leda nickte wieder.
»Franz hat diese vollkommen verrückte Idee, dass Bernhard der Vater von Capri sein könnte«, erklärte sie mit tränenerstickter Stimme. »Capri ist der Name des Babys von Franz und mir, wissen Sie?«
»Es gibt ja einen Vaterschaftstest, der das auch sagt«, sagte Linda vorsichtig.
»Mit dem hat Franz heute Morgen auch herumgefuchtelt und mich angeschrien und geschlagen«, schluchzte Leda. »Aber da kann was nicht stimmen! Zwischen Bernhard und mir war doch nie was, ich schwöre es!«
Linda war hin- und hergerissen. Einerseits wirkte Leda sehr aufrichtig, auf der anderen Seite gab es das Testresultat aus der Wohnung des Opfers.
»Warum gab es diesen Test überhaupt? Der muss ja mit dem Wissen von Ihnen und Herrn Diener erstellt worden sein«, fragte sie.
»Es begann mit der Party, die wir gefeiert haben, als Bernhard von Leukämie geheilt war. Ich habe ihn dabei umarmt, und seitdem hat sich Franz diese total bescheuerte Idee in den Kopf gesetzt, dass wir was miteinander hätten. Ich war da schon schwanger, und Franz begann, an seiner Vaterschaft zu zweifeln. Bernhard hat dann schließlich eingewilligt, einen Test zu machen, um diesen ganzen Quatsch endlich aus der Welt zu räumen«, erzählte Leda.
»Aber das Ergebnis fiel anders aus als erwartet«, schlussfolgerte Linda.
»Die müssen einen Fehler gemacht haben!«, rief Leda. »Es gab ja auch einen Test für Franz, vielleicht haben die da was vertauscht! Es kam ja auch nur ein Testbericht bei uns an.«
»Ihr Mann hat Sie geschlagen. Hat er auch gesagt, was Ihrem Kumpel Bernhard blühen würde?«, fragte Linda.
Leda schüttelte den Kopf.
»Er ist wutentbrannt weggefahren und kam dann eine gute Stunde später wieder«, sagte sie, bevor sie stutzte. »Moment. Sie sind von der Polizei? Warum sind Sie eigentlich hier? Ich hatte doch nicht um Hilfe gerufen. Ist was mit Bernhard? Hat Franz ihn zusammengeschlagen?«
»Bernhard Diener ist vor ein paar Stunden tot aufgefunden worden. Und wir haben Grund zur Annahme, dass Ihr Mann damit etwas zu tun hat«, fasste Linda das Nötigste zusammen.
Entsetzt keuchte Leda auf.
»Bernhard ist tot? Und Franz soll …?«
Sie schaffte es nicht, den Satz zu beenden.
Linda nickte.
»Wenn mein Kollege unten fertig ist, werden wir Ihren Mann vorläufig festnehmen. Ich gebe Ihnen den Rat, heute noch zu einem Arzt zu gehen und die Verletzung dokumentieren zu lassen. Ihr Mann hat zwar derzeit größeren Ärger, aber für den Fall der Fälle sollten Sie trotzdem Anzeige erstatten, damit er Ihnen und Ihrem Kind nicht mehr zu nahe kommen kann, selbst wenn wir ihm keinen Mord nachweisen können«, erklärte die Polizistin. »Haben Sie eine Freundin, die ihnen in den nächsten Tagen helfen könnte?«
Leda dachte kurz nach.
»Tina würde bestimmt helfen«, sagte sie schließlich. »Sie ist Sekretärin hier in der Firma, wissen Sie?«
»Wir haben vorhin mit ihr gesprochen. Sie weiß, was los ist. Rufen Sie sie nachher mal an, okay?«, riet Linda. Leda nickte nachdenklich.
Im Wohnzimmer hatte sich Franz Hose in einen Sessel fallen lassen, was Bob und Herr Lepus als Einladung auffassten, auf dem Sofa gegenüber Platz zu nehmen.
»Was wollen Sie hier?«, fragte Franz finster. »Wie ich mit meiner Frau umgehe, geht niemanden was an.«
»Bis auf Ihre Frau. Und vielleicht den Staatsanwalt«, wandte Bob ein. »Aber eigentlich sind wir wegen Bernhard Diener hier.«
»Was soll mit dem sein?«, knurrte Franz.
»Er ist tot. Und ich glaube nicht, dass diese Information eine Überraschung für Sie ist«, sprach Bob.
»Und wieso denken Sie das?«
»Eine Zeugin hat Sie heute mit Herrn Diener streiten sehen. Und Sie haben in der Firma erzählt, dass er nicht mehr zur Arbeit kommen würde«, zählte Bob ein paar Punkte auf.
»Das fehlte ja wohl auch noch! Er bumst mit meiner Frau und schiebt ihr einen Braten in die Röhre, ich Idiot rette ihm noch das Leben, und dann soll er fröhlich weiter für mich arbeiten, während ich für sein Kuckuckskind bezahle?!«, regte sich der Unternehmer auf.
»Und dann mussten Sie ihn gleich umbringen?«, fragte Bob ungerührt.
»Hey, damit habe ich nichts zu tun! Sie können mir vielleicht nachweisen, dass ich dort war. Und natürlich wurde es etwas laut! Ich habe ihm erklärt, dass er sich zum Teufel scheren soll, und das war es. Mehr können Sie mir nicht anhängen!«, rief Franz triumphierend. »Ist doch nicht meine Schuld, wenn sich der Trottel danach selber abfackelt!«
»Haben Sie das gehört, Herr Lepus?«, wandte sich Bob an den bislang stillen Beobachter. Der nickte.
»Laut und deutlich. Das kann ich bezeugen«, bekräftigte er.
»Was denn?«, fragte Franz verwirrt.
»Ich habe nichts von einem Feuer erwähnt«, antwortete Bob. »Wenn Sie damit angeblich nichts zu tun hatten und schon weg waren, als der Brand ausbrach, woher wissen Sie dann davon?«
Franz Hose presste die Lippen aufeinander. Auf seiner Stirn zeigten sich Schweißperlen.
»Ich sage gar nichts mehr«, knurrte er schließlich.
»Auch gut«, brummte Bob, während er aufstand und ein Paar Handschellen aus der Tasche zog. »Sie sind vorläufig festgenommen wegen des Tatverdachts des Mordes an Bernhard Diener. Sie können zum Tatvorwurf schweigen, müssen sich nicht selbst belasten und haben das Recht auf einen Anwalt. Bitte drehen Sie sich um und nehmen Sie die Hände hinter den Rücken.«
***
Franz Hose wurde vor seiner Villa von uniformierten Beamten in Empfang genommen, die ihn zur Gefangenensammelstelle brachten. Bob, Linda und Herr Lepus fuhren derweil mit ihrem Auto zur Rechtsmedizin, um zu erfahren, ob Doktor Steel schon einen Blick auf den Leichnam werfen konnte. Bob bemerkte Lindas grübelndes Gesicht.
»Was beschäftigt dich?«, fragte er.
»Es ergibt einfach keinen Sinn«, seufzte Linda. »Leda Hose schwor auf alles, was ihr heilig war, dass sie nichts mit Bernhard Diener hatte. Tina war sich komplett sicher, dass zwischen denen nichts lief. Und in der Wohnung von dem Diener haben wir auch keinen Hinweis auf ein Liebesleben gefunden. Und auf der anderen Seite haben wir diesen Vaterschaftstest.«
»Vielleicht waren die Ehefrau und unser Opfer einfach wahnsinnig gute Schauspieler und konnten das Techtelmechtel so prima verheimlichen?«, schlug Bob vor.
»Aber warum sollte der Diener einem Vaterschaftstest zustimmen, wenn er wusste, dass die Affäre auffliegen würde?«, wandte Linda ein. »Das spricht doch eher dafür, dass er ein reines Gewissen hatte.«
»Vielleicht waren sie beide Schlafwandler und wussten gar nicht, dass sie es miteinander getrieben haben?«, schlug nun Herr Lepus vor.
»Das wäre auch sehr unwahrscheinlich, oder? Und ich nehme ja mal an, dass es nicht so viele Nächte gab, in denen die beiden sich schlafwandelnd begegnen konnten, ohne dass es ihr Ehemann mitbekommen hätte. Der wird ja sicher im gleichen Bett wie seine Gattin gepennt haben, und der Diener war in einer ganz anderen Wohnung«, überlegte Linda laut.
Bob schüttelte resignierend den Kopf.
»Vielleicht bleibt das ein Rätsel für die Ewigkeit. Schauen wir jetzt erst einmal, was Doktor Steel herausgefunden hat.«
Geschickt fuhr er den Wagen auf den schmalen Parkplatz vor dem Gebäude der Rechtsmedizin.
***
»Guten Tag, Frau Doktor«, begrüßten Bob und Linda die Chefin des Rechtsmedizinischen Instituts.
»Ah, meine Lieblingspolizisten. Haben Sie mir zur Abwechslung mal einen Lebendigen vorbeigebracht?«, fragte Doktor Steel grinsend und nickte mit dem Kopf in Richtung von Herrn Lepus.
»Oh, richtig«, entfuhr es Linda. »Das ist Herr Lepus, ein Schriftsteller, der uns heute mal begleitet. Und das ist Doktor Steel. Sie leitet die Rechtsmedizin und ist für unsere Arbeit unersetzlich.«
»Sie sind aber sicher nicht hier, um mir Honig um den nicht vorhandenen Bart zu schmieren, oder?«, fragte die so hochgelobte Medizinerin schmunzelnd.
»Nicht nur«, gab Bob zu. »Wir wollen wissen, ob es schon Erkenntnisse zu unserem Brandopfer von heute Vormittag gibt. Wir haben unseren Hauptverdächtigen einkassiert, aber uns fehlt noch der letzte Beweis, um den Ermittlungsrichter zu überzeugen, ihn nicht gleich wieder laufen zu lassen.«
»Da kann ich Ihnen helfen«, antwortete Doktor Steel sachlich und führte die Ermittler zu der Leiche, die in der Mitte des Raumes auf dem Obduktionstisch lag. Herr Lepus hatte sichtlich Mühe, beim Anblick nicht zu würgen, und lief schnurstracks zum Fenster. Der Anblick der Bäume draußen schien seinen Magen zu beruhigen.
Bob, Linda und Doktor Steel schmunzelten. Angehende Kriminalbeamte mussten sich im Rahmen der Ausbildung Obduktionen direkt vor Ort ansehen, und über die Hälfte von ihnen schaffte es im ersten Anlauf nicht, die ganze Prozedur ohne Ohnmacht oder vollgereiherte Kotztüten zu überstehen. Bob und Linda waren nicht immun, aber inzwischen daran gewöhnt. Sie wagten allerdings nicht darüber nachzudenken, ob es wirklich positiv war, inzwischen so eine intensive Untersuchung an einem Toten ohne große Gefühlsregung miterleben zu können.
»Sehen Sie hier diese Stelle am Schädel?«, fragte Doktor Steel und zeigte auf den besagten Bereich an der Leiche. »Der Mann wurde eindeutig mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen und war schon tot, bevor er angezündet wurde.«
»Dann haben wir den Beweis, den wir brauchten. Es war eindeutig Fremdeinwirkung«, sagte Bob zufrieden.
»Genau«, stimmte Doktor Steel zu und zog sich die Gummihandschuhe aus. »Wissen Sie schon, womit der arme Kerl den Tod verdient hat?«
»Offensichtlich hat er vor knapp einem Jahr eine Frau geschwängert, und ihr Ehemann war kein Fan davon«, fasste Linda zusammen.
»Ausgeschlossen!«, sagte Doktor Steel bestimmt. »Das ist unmöglich.«
Bob und Linda schauten sich überrascht an.
»Wie meinen Sie das?«, riefen sie unisono.
Doktor Steel zog sich wieder die Gummihandschuhe an und zog das Tuch beiseite, das den nicht verbrannten Unterleib des Leichnams bedeckt hatte.
»Sehen Sie das hier?«, fragte sie, während sie auf eine Stelle des Hodensacks zeigte. »Der Mann hatte eine Vasektomie. Laut den medizinischen Unterlagen, die Tim vorbeibringen ließ, wurde unser Opfer vor drei Jahren sterilisiert.«
»Gibt’s doch nicht«, entfuhr es Bob. »Und das kann nicht irgendwie wieder verheilt sein?«
Doktor Steel zuckte mit den Schultern. »In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass sich Samenleiter regenerieren. Aber wenn der Patient keine Einwände äußert, kann ich ja mal eben nachgucken, ob das hier der Fall war«, bot sie an und holte ein Skalpell.
Zwei Minuten später legte sie ihre Instrumente beiseite und bedeckte den Unterleib des Opfers wieder mit dem Tuch.
»Eindeutig keine Rekanalisation erkennbar. Der Mann war seit drei Jahren zeugungsunfähig«, verkündete sie das Ergebnis.
»Aber es gibt einen Vaterschaftstest, der ihn als Vater des Kindes nennt«, wandte Linda ein.
Doktor Steel hob eine Augenbraue.
»Da muss es eine andere Erklärung geben. Dieser Mann kann definitiv nicht der Erzeuger eines Kindes sein, das gerade mal ein paar Monate alt ist, es sei denn, es gäbe eine Samenspende aus der Zeit davor«, sagte die Medizinerin bestimmt. »Aber dann hätte der Ehemann ihn sicher nicht so zugerichtet.«
»Moment, da fällt mir etwas ein«, rief Bob plötzlich. »Doktor Steel, wie viel wissen Sie über die Zuverlässigkeit von Vaterschaftstests? Ich habe da eine Theorie.«
***
Franz Hose saß schlecht gelaunt im Verhörzimmer des Polizeipräsidiums. Er war am Vortag verhaftet worden und musste die Nacht in der Arrestzelle des Präsidiums verbringen, nachdem der Richter seine Entlassung abgelehnt hatte. Wegen einer Veranstaltung im Untersuchungsgefängnis war es an dem Tag aber nicht mehr möglich gewesen, ihn dorthin zu verlegen. Jetzt trug er schon seit über 24 Stunden dieselbe Kleidung und sollte nun noch einmal mit den Polizisten reden, die ihn verhaftet hatten. Dabei war seiner Meinung nach schon alles gesagt.
Als sich die Tür des Verhörzimmers öffnete und die beiden Polizisten eintraten, richtete er sich unwillkürlich auf. Dass auf der anderen Seite des großen Spiegels an der Wand neben weiteren Beamten auch Herr Lepus aufmerksam das Geschehen verfolgte, war ihm nicht bewusst.
»Guten Tag, Herr Hose, wie geht es Ihnen?«, fragte Bob.
»Scheiße«, antwortete der Beschuldigte ehrlich. »Nicht mal frische Unterwäsche gibt es hier.«
»Tut mir leid«, bedauerte Linda. »Aber Sie werden gleich verlegt, und dann kriegen Sie auch neue Kleidung. Nicht modisch, aber zweckmäßig.«
Sie verkniff sich zu sagen, dass seine Angehörigen die Möglichkeit gehabt hätten, ihm Wäsche zu bringen. Aber Leda hatte sich dagegen entschieden, auch nur einen Finger für den Mann zu krümmen, der offenbar einen Freund der Familie umgebracht hatte.
»Sie haben übrigens heute Post bekommen«, erzählte Bob und schob einen Brief herüber. »Ihre Frau war so nett, uns den Brief zu geben.«
Franz Hose schaute auf den bereits geöffneten Umschlag, aber seine Hände blieben ruhig auf dem Tisch liegen.
»Was ist das?«
»Das Ergebnis eines Vaterschaftstests. Ihres Vaterschaftstests. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind mit 99,9 Prozent Sicherheit der Vater von Capri Hose«, verkündete Bob.
Franz Hose riss die Augen groß auf.
»Das kann nicht sein!«, rief er. »Das war doch Bernhard!«
»Tja, das ist der Punkt. Er konnte nicht der Vater Ihrer Tochter sein«, erklärte Linda. »Er war schon seit Jahren zeugungsunfähig.«
»Aber der Test! Das Ergebnis, das gestern kam!«, stammelte Franz.
»An dem sind Sie nicht ganz unschuldig, aber dafür können Sie nichts«, sagte Bob. »Herr Diener war an Leukämie erkrankt, und er wurde durch eine Knochenmarkspende von Ihnen geheilt, nicht wahr?«
»Erinnern Sie mich bloß nicht«, brummte Franz.
»Wie sich herausstellt, kann es sein, dass für eine gewisse Zeit die Körperflüssigkeiten des Empfängers der Spende die DNS des Spenders aufweisen. Zu blöd, wenn man in dieser Zeit einen Vaterschaftstest macht«, erklärte Linda. »Das Erbgut, das mit dem Ihrer Tochter abgeglichen wurde, war Ihres.«
»A-aber dann habe ich ja …«, stotterte Franz flüsternd.
»Ihrem besten Kumpel ganz umsonst den Schädel eingeschlagen«, vervollständigte Bob. »In der Tat. Und die Prügel für Ihre Frau sollte Ihnen spätestens jetzt auch sehr leidtun.«
Franz starrte mit gesenktem Kopf in die Leere.
»U-und jetzt?«
»Das war alles, was wir Ihnen jetzt sagen wollten. Fragen werden wir Ihnen dann erst wieder stellen, wenn Ihr Anwalt dabei ist«, sagte Linda. »Die Kollegen werden Sie gleich mitnehmen und ins Gefängnis überführen. Dort können Sie sich dann in Ruhe überlegen, was Sie sagen wollen.«
***
Bob schaute genervt auf die Uhr, als Linda und er aus dem Auto ausstiegen und die Treppen zum Polizeipräsidium hochstiefelten. Ein Wasserrohrbruch hatte eine Straße unterspült und die Umleitung verlängerte den Weg zur Arbeit um ganze 45 Minuten. Im Stau zu stehen, gehörte definitiv nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der beiden Ermittler am frühen Morgen.
Zwei Tage zuvor war das Verfahren gegen Franz Hose nach mehreren Monaten beendet worden. Das Urteil lautete auf zehn Jahre Haft wegen Totschlags. Ein total fertiger Angeklagter hatte in seinem letzten Wort während der Verhandlung noch schluchzend seine Frau um Vergebung gebeten, aber Leda hatte kategorisch abgelehnt, den Scheidungsantrag zurückzuziehen. Das Urteil im Verfahren wegen Körperverletzung seiner Frau war noch nicht gesprochen, aber es war zu erwarten, dass es seine Haft nur um ein paar Monate verlängern würde.
Als Bob und Linda das Präsidium betraten, bemerkten sie sofort die Blicke ihrer Kollegen. Einige grinsten, andere schauten schnell weg, als die beiden Ermittler sich umsahen. Man konnte überall Leute tuscheln hören.
»Hey, die Oralverkehrspolizei ist eingetroffen«, rief jemand. Andere glucksten vor Lachen.
Bob und Linda schauten sich verwundert an. Etwas vorsichtiger als gewöhnlich betraten sie den Aufzug und fuhren in die Etage ihrer Abteilung. Als die Türen des Aufzugs sich öffneten, lief gerade Norman vorbei, der beim Anblick der beiden loslachte.
»Na, ihr seid etwas spät dran heute. Musstet ihr eine Pause einlegen, weil euch die ekstatische Erregung der Exekutive so übermannt hat?«, spottete er.
»Sag mal, bist du besoffen?«, fragte Bob verdutzt.
Inzwischen war auch Benny vorbeigekommen und grinste breit.
»Das musst du verstehen, Norman«, sagte er spitzbübisch, »Lindas Pheromone verwandeln das Auto der beiden in eine Sauna der erotischen Träume!«
Die beiden Kollegen lachten ausgiebig, und Bob und Linda konnten das Prusten einiger weiterer Kollegen hören, die die Frotzeleien mitbekommen hatten.
»Spinnt ihr? Was ist denn mit euch los?«, fragte Linda nun deutlich verärgert.
»Bob! Linda! In mein Büro, aber sofort!«, schallte der Ruf des Chefs durch die Etage.
Mit bangem Gefühl liefen Bob und Linda ins Büro des Chefs, der grimmig vor seinem Schreibtisch stand und seine beiden Spitzenermittler streng anschaute.
»Als ihr vor ein paar Monaten mit diesem Schriftsteller unterwegs wart, was habt ihr da denn alles getrieben?«
Die Frage klang mehr wie ein Vorwurf.
»Wir haben gar nichts getrieben, wir waren absolut professionell!«, rief Linda.
»Wir haben nicht mal irgendwelche anzüglichen Witze gemacht«, bekräftigte Bob. »Wir haben alles getan, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, ehrlich! Was ist denn überhaupt passiert?«
Der Chef trat nun zur Seite und gab den Blick auf einen großen Stapel identischer Groschenhefte auf seinem Schreibtisch preis. Er schnappte sich ein Heft und hielt es seinen Beamten vor die Nase.
»Wir haben ein dickes Paket vom Rammler-Verlag bekommen. 50 Exemplare von Rob und Wanda, dem spitzen Polizistenduo! Angeblich in Zusammenarbeit mit uns entstanden! Der Polizeipräsident hat mich vorhin so richtig zur Sau gemacht!«, motzte der Boss.
Baff schnappten sich Bob und Linda jeweils ein Exemplar vom Schreibtisch und blätterten nervös durch das Heft.
»Seite 6. Da steht tatsächlich was von der Oralverkehrspolizei, und auf der nächsten Seite wird die ekstatische Erregung der Exekutive erwähnt«, sagte Bob kopfschüttelnd.
»Und auf Seite 27 steht das mit den Pheromonen, die das Auto in eine erotische Sauna verwandeln. Was für ein Schmierenfink schreibt so was?«, fragte Linda fassungslos.
»Wandas wollüstige Weiblichkeit wabbelte im Takt der Stöße von Robs riesiger Runkelrübe«, las Bob mit großen Augen vor.
»Wabbelte? Was soll das heißen, wabbelte?«, beschwerte sich Linda.
»Können wir mal zum Wesentlichen kommen!?«, rief der Chef. »Ihr sagt also, ihr habt absolut nichts getan, um diese Ferkelei irgendwie zu provozieren?«
»Ehrenwort, Chef!«, sagten beide wie aus einem Mund.
Linda war inzwischen beim Blättern bei den letzten Seiten angelangt.
»Ich würde lieber mal wissen, warum die Trottel aus der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit nicht mal vorher nachgeguckt haben, was der Lepus für Schweinereien schreibt, bevor sie uns den ans Bein gebunden haben«, schoss sie zurück und zeigte eine Seite hoch. »Auch von Leo Lepus im Rammler-Verlag erhältlich: die Bestseller ›Die Nymphomaninnen im COCKpit‹, ›Krankenschwester Lolita – Priapismusbehandlung für Privatpatienten‹ und ›1+ in Französisch, Bonuspunkte für Griechisch: Ein Lehrer im Gymnasium packt aus!‹ Und angeblich alles nach Gesprächen mit echten Personen.«
Bob hatte nun auch die allerletzten Seiten aufgeblättert und stupste Linda an.
»Schau mal. Heute ist nicht nur unser Heft erschienen. ›Zapfenstreich und volles Rohr – So schwul ist unsere Armee‹ und ›Brandmeisterin Jessy – Mehr Schlauch ist ihr nie genug‹ sind heute auch veröffentlicht worden, alle von Lepus geschrieben.«
»Na, bei denen wird’s heute auch rundgehen, denk ich mal. Arme Jenny«, seufzte Linda. »Die war so nett, als wir sie in der Wohnung von dem Diener kennenlernten.«
Das Gesicht vom Chef war deutlich milder geworden, nachdem er erkannt hatte, dass Bob und Linda wohl tatsächlich keine Schuld an dem Schlamassel trugen und auch noch andere in gleicher Weise von Lepus hintergangen wurden. Er räusperte sich.
»Bob, Linda, es tut mir leid, dass ich laut geworden bin. Sieht ganz so aus, als hättet ihr wirklich nichts falsch gemacht. Aber es ist wohl besser, wenn ich euch für die nächsten Tage freistelle, bis wir diese Schundhefte aus dem Handel gekriegt haben. Geht nach Hause, legt die Beine hoch und haltet euch bereit, falls wir das vor Gericht bringen müssen und eure Aussagen brauchen. Und redet bitte nicht mit der Presse«, ordnete der Chef an.
»Okay, Chef«, antworteten Bob und Linda niedergeschlagen.
Der Weg aus dem Polizeipräsidium war fast wie ein Spießrutenlauf. Man rief ihnen nichts mehr zu, aber der Anblick der beiden Polizisten, die mit ernstem Gesichtsausdruck durch die Flure gingen und ganz offensichtlich vom Chef nach Hause geschickt wurden, ließ das Grinsen von den Gesichtern der Kollegen verschwinden. Dafür wurde das Tuscheln lauter. Es würde vermutlich mehrere Wochen dauern, bis sich Bob und Linda wieder einigermaßen normal im Präsidium bewegen konnten. Der ungeplante Urlaub frustrierte die beiden.
Im Auto krampften sich Bobs Hände ums Lenkrad. Hinter seiner Stirn rasten die Gedanken, während sie immer noch auf dem Parkplatz standen.
»Fahren wir nach Hause?«, fragte Linda leise.
Bob schnaufte kurz und schüttelte dann den Kopf.
»Nein, wir machen jetzt erst einmal einen kleinen Abstecher zur Feuerwache. Und dann statten wir mal dem Haus eines gewissen Schriftstellers einen Besuch ab«, beschloss er.
***
Der Morgen von Brandmeisterin Jenny war ähnlich bescheiden verlaufen wie der von Bob und Linda. Auch bei der Feuerwehr war ein dickes Paket vom Rammler-Verlag eingetroffen, und schon eine Stunde später wusste anscheinend jeder, was in dem Schundheft über die sexuellen Eskapaden der Brandmeisterin mit dem verdächtig ähnlichen Namen stand. Da sich auch jeder noch daran erinnern konnte, dass dieser seltsame Schriftsteller Jenny und ihre Jungs begleitet hatte, ließ das natürlich die Gerüchteküche in der Zentrale und anderen Feuerwachen brodeln. Die Männer in Jennys Feuerwache wussten natürlich, dass an den Räuberpistolen in dem Groschenheft über »Brandmeisterin Jessy« nichts dran war, und nicht wenige befürchteten Ärger mit ihren Frauen oder Freundinnen, aber Jenny hatte es am schlimmsten getroffen.
Und nun saß sie, ebenfalls vorerst freigestellt, bei Bob und Linda im Auto und erfuhr das Ausmaß der Probleme, die Lepus mit seinen Erzählungen auch woanders verursacht hatte. Bob hatte inzwischen das Auto auf einen Parkplatz vor einen Wohnblock gelenkt und stoppte den Wagen etwa zwanzig Meter vor dem Eingang.
»Hier wohnt der Lepus?«, fragte Jenny vom Rücksitz aus.
»Ja. Ich habe mir die Meldeadresse geben lassen«, bestätigte Bob. »Irgendwo hinter einem dieser Fenster schreibt der Lepus seine Lügenmärchen.«
»Und sollen wir jetzt da reinstürmen und ihm ordentlich die Fresse polieren?«, fragte Linda skeptisch.
»Ach was, nicht wir«, winkte Bob grinsend ab. Er zog das Heft über Rob und Wanda heraus, schlug die letzte Seite auf und tippte auf das Coverbild von dem Heft über die angeblich so schwule Armee.
»Wir warten einfach, bis die Infanterie kommt.«
ENDE
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